Umgang mit Blinden in alltäglichen Situationen

Für viele Menschen, die keinen Blinden oder stark Sehbehinderten in der Familie oder im Bekanntenkreis haben, stellt der Umgang mit der Behinderung ein großes Problem dar. Viele möchten helfen - wissen aber oftmals nicht wie. Die wichtigste Grundregel ist: Sprechen Sie den Blinden an! Bieten Sie Ihre Hilfe an und drängen Sie sie nicht auf. Der Betroffene möchte selbst entscheiden, wann und wie er Ihre Unterstützung in Anspruch nimmt. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn Ihr gut gemeintes Angebot dankend abgelehnt wird. Für ein paar Blinde ist die Selbstständigkeit das Wichtigste. Aber in der Regel sind wir Blinden und Sehbehinderten für Ihre Hilfe dankbar. Im Folgenden finden Sie ein paar nützliche Tipps für eine effektive Hilfestellung. So soll Ihnen auch die Angst genommen werden, auf uns zuzugehen.

  • Verkehrsmittelbenutzung
  • Anbieten eines Sitzplatzes
  • Straßenüberquerung
  • Treppen
  • Präzise Angaben von Orten
  • Blinde in Begleitung
  • Weggehen
  • Verfolgung
  • Ratespiele
  • Hier ist Stimme gefragt
  • Sprachbarrieren und andere Hemmschwellen
  • Verkehrsmittelbenutzung:

    Sprechen Sie den Blinden an. Zeigen Sie ihm die Tür und die gegebenenfalls vorhandene Haltestange. So wird er dann selbstständig das Fahrzeug betreten. Sie können auch Ihren Arm anbieten, damit er sich bei Ihnen unterhaken kann und sie dann gemeinsam das Fahrzeug betreten können. Nur eine Person sollte Hilfestellung geben. Bugsieren Sie ihn niemals zu zweit in ein Fahrzeug.

    Anbieten eines Sitzplatzes:

    Fragen Sie immer erst, ob sich die blinde Person setzen möchte. Auch unter uns Blinden gibt es viele, die kurze Strecken mit Straßenbahn oder Bus gern stehend zurücklegen. Sie können dem Blinden aber gern eine Haltestange zeigen, indem Sie ihn kurz darauf hinweisen, und dann seine Hand darauf legen. Möchte sich der Blinde setzen, legen Sie seine Hand auf die Rückenlehne des Sitzes und sagen Sie ihm, dass er sich setzen kann.

    Straßenüberquerung:

    Sprechen Sie den Blinden zuerst unbedingt an und fragen Sie ihn, ob er die Straße überqueren möchte. Bieten Sie ihm bei Bejahung Ihren Arm an. So kann er sich dann einhängen und geht dadurch automatisch einen Schritt hinter Ihnen. Das gibt ihm die nötige Sicherheit, Weisen Sie auf die Bordsteinkante hin beim hinab- und hinaufgehen. Falls Sie ihn nicht begleiten, ist es auch eine Hilfe ihn darauf hinzuweisen, dass die Ampel grün oder die Straße frei ist, falls keine Ampel vorhanden ist. Allerdings ist ein solcher Hinweis nur angebracht, wenn die Ampel gerade auf grün umspringt. Schicken Sie den Blinden niemals kurz vor der Rotphase über die Straße.

    Treppen:

    Fragen Sie, ob Sie helfen sollen. Rufen Sie auf keinen Fall: "Vorsicht, Treppe!" oder "Vorsicht, Stufe!". Dies bemerkt der Blinde mit seinem Stock. Mit Ihrem lauten Rufen erschrecken Sie ihn nur. Sprechen Sie ihn ruhig auf die Treppe an. Möchte er sie gezeigt bekommen, legen Sie seine Hand auf das Treppengeländer. So kann er dann selbstständig weiterlaufen. Falls Sie ihn begleiten möchten, weisen Sie auf Beginn und Ende der Treppe hin.

    Präzise Angaben von Orten:

    Wenn Sie einem Blinden ein Glas Wasser hinstellen, sagen Sie nicht: "Hier steht Ihr Wasser". Beschreiben Sie es mittels Anhaltspunkten, wie z. B.: "neben Ihrer linken Hand". Möchten Sie einem Blinden beschreiben, auf welcher Seite des Tellers er sein Fleisch findet, arbeiten Sie mit der Uhr, z. B.: "Auf 6 Uhr bis 9 Uhr liegt das Steak!". Fragt Sie der Blinde, wo z. B. das Glas mit der Marmelade steht, können Sie es ihm auch mit einem leichten Klopfen gegen das Glas akustisch zeigen. Er wird dann mit Hilfe des Geräusches die Richtung finden.

    Blinde in Begleitung:

    Der Blinde ist ein mündiger Bürger. Er erledigt seine Geschäfte selbst. Fragen Sie ihn und nicht seine Begleitung, was er z. B. essen möchte. Und glauben Sie mir, er wird es Ihnen sagen. Woher soll auch seine Begleitung wissen, auf was er gerade Appetit hat. Oder entscheidet Ihr Partner, dass Sie heute das Schnitzel essen? Kommt ein Blinder in Begleitung in ein Amt oder eine andere Institution, wo er etwas ausfüllen muss, erledigt das nicht die Begleitperson. Diese ist nur für die Begleitung auf dem Weg zuständig.

    Weggehen:

    Sind Sie in geselliger Runde mit Blinden und stark Sehbehinderten, sagen Sie bitte, wenn Sie gehen. Es ist absolut nicht komisch, wenn man sich mit einem leeren Stuhl austauschen muss. Geben Sie auch einen Hinweis, wenn Sie wieder da sind.

    Verfolgung:

    Verfolgen Sie einen Blinden nicht auf Schritt und Tritt, weil Sie befürchten, dass er über ein Hindernis stolpern kann. Spielen Sie nicht den unsichtbaren Schutzengel, der im Gefahrenmoment auftaucht. Wenn Sie nämlich folgen, wird Sie der Blinde akustisch wahrnehmen und er wird nervös. Fragen Sie am besten, ob Sie helfen können, weil auf dem Gehweg z. B. eine ungesicherte Baustelle ist.

    Ratespiele:

    Kennen Sie einen Blinden und sehen Sie ihn nicht regelmäßig, stellen Sie sich ihm mit Namen vor. Und wenn er damit nichts anfangen kann, verraten Sie ihm noch, wo sie sich das letzte Mal begegnet sind. Es ist unsinnig "Rate mal" zu spielen und dann beleidigt zu sein, wenn er/sie Ihre markante Stimme nicht kennt. Es stimmt zwar, dass wir Blinden ein gutes Stimmengedächtnis haben, aber wir können nicht jede Stimme sofort zuordnen.

    Hier ist Stimme gefragt:

    Blinde und stark Sehbehinderte sind auf Sprachkommunikation angewiesen. Bitte antworten Sie mit einem "ja" oder "nein" und halten Sie den Kopf ruhig. Dass Sie nicken, sehen wir nicht. Und bitte seien Sie nicht beleidigt, wenn ein Blinder auf Ihr freundliches Fingerzeigen nicht zurückgrüßt oder Sie anstrahlt, wenn Sie ihm entgegenlächeln. Machen Sie sich immer akustisch bemerkbar, so ernten Sie vielleicht ein Lächeln zurück.

    Sprachbarrieren und andere Hemmschwellen:

    Sprechen Sie ganz normal das Wort blind aus. Bitte behalten Sie Ihre Theorien, was wäre, wenn Sie blind wären, für sich. Das wollen wir lieber nicht wissen. Fragen Sie ruhig, ob der Blinde den Film gesehen hat und sagen Sie um Himmels willen "Auf wiedersehen". Wir verwenden "Auf wiederhören" auch nur beim Telefonieren. Fragen Sie auch: "Wie gefällt Ihnen die Kerze oder der Pullover?" Geben Sie dem Blinden den Gegenstand aber unbedingt in die Hand!!! Rechnen Sie damit, dass Ihnen der Blinde den Gegenstand nicht abkauft, wenn Sie ihm nicht das Tasten gewähren. Jeder Käufer darf die Ware betrachten, bevor er sie nimmt. Auch ein Blinder! Und da er nun einmal mit seinen Händen sieht, sollten Sie ihm das auch ermöglichen. Und keine Angst, wir zerstören nicht, wir wollen nur mal fühlen. Und die paar Fingerabdrücke können Sie mit einem Staubtuch wieder entfernen.