Ein Erlebnisbericht zum absolvierten Mobilitätstraining von Olaf Schmidt

Herr Schmidt hat gerade ein Mobilitätstraining absolviert und seine Gedanken und Erfahrungen dabei in einem Erlebnisbericht zu Papier gebracht. Vielleicht hilft dieser Bericht dem einen oder anderen bei der Entscheidungs- findung - lesenswert ist er allemal.

Der Kugelblitz Einsicht in die Notwendigkeit

Endlich war es soweit! Meine Krankenkasse hatte mir das Mobilitätstraining genehmigt. Wie sollte ich darauf reagieren? Sollte ich mich über die Krankenkassenzusage freuen? Wusste ich überhaupt, auf was ich mich bei einem solchen Mobilitätstraining einließe? Eigentlich wollte ich es ja! Denn schließlich war dieser Gedanke schon drei Jahre in meinem Kopf. Meine Frau damals plötzlich im Krankenhaus und ich in vielen Dingen überfordert hilflos zu Hause. Nein! Ganz so allein war ich auch nicht; denn ich hatte „Gott sei Dank“ noch meine Eltern. Außerdem waren die Semesterferien meiner Tochter ein hilfreicher Segen. Doch ich merkte schon bald, trotz aller wohlgemeinten Hilfeleistungen und Unterstützungen, wie hilflos und abhängig ich durch die rasche Verschlechterung meines Sehvermögens in den letzten Jahren geworden war. Zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar – ich musste den Sprung über meinen Schatten wagen, um zukünftigen Eventualitäten nicht bittend und bettelnd nach Hilfe zu rufen. Der Gedanke „Mobilitätstraining“ war eigentlich schon vorher in mich geimpft worden. Jedoch der Wirkstoff war bis dahin noch viel zu gering. Man hatte es mir empfoh-len. Ich sah es auch ein. Aber verdrängte es dennoch wieder. Die Bequemlichkeiten siegten immer. Dabei machte sich schädigende, behütende Geborgenheit durch meine Familie breiter und breiter. Sie meinten es gut und ich ließ es mir gefallen. Drei Jahre im Niemandsland. Und jetzt konnte es los-gehen, denn die Voraussetzungen waren nun vorhanden –die Krankenkassenzusage, ein Mobilitätstrainer stand bereit und meine Bereitschaft war vorhanden. Ich wollte die Unterstützung bei der Herstellung meiner kleinen zukünftigen Mobilität und Unabhängigkeit. Dazu sollte das selbständige Finden der Bushaltestelle gehören, dass ich gefahrlos zur Arbeit und zurück komme. Das Finden des Briefkastens oder die Bewältigung der Wegstrecke zum Friseur oder anderer Geschäfte in der Stadt musste im Trainingsplan Berücksichtigung finden. Umso mehr ich mich damit gedanklich auseinander setzte, desto mehr kam mir in den Sinn, das Trainingsziel nach oben zu verschieben. All dies besprach ich mit meinem Trainer, der mir diese Vision mit seinen Strategien verknüpft, einen hoffnungsvollen Weg erscheinen ließ. Wir werden sicherlich ein gutes Team, dachte ich mir. Mein Trainer hatte zwar auf diesem Gebiet keine jahrelangen Erfahrungen, aber ich merkte, dass er engagiert die Aufgabenbewältigung erledigen könnte. Für ihn war es eine neue Herausforderung mittels seiner erworbenen Ausbildungskenntnisse in Hamburg, Mobilitätsaktivitäten und –fähigkeiten Blinden zu vermitteln. Mein Trainer und ich hatten für die nun folgenden 60 Stunden Mobilitätstraining eine gemeinsame Basis gefunden. Für uns beide war es eine Herausforderung, wenn auch mit verschiedenen Vorzeichen. Er möchte viele wertvolle und nützliche Erfahrungen in seinem neuen Beruf als Mobilitätstrainer sammeln. Dies gepaart mit Erfahrungen aus vorherigen Tätigkeiten und natürlich auch aus lebenspraktischen Gesichtspunkten, wird das neue Aufgabengebiet für seine Mobilitätsschüler ein Quell der Zuversicht. Dies merkte ich gleich von Anfang an. Dabei war mir sofort klar, dass es für mich eine große Herausforderung an das ganze Unternehmen „Mobilitäts-training“ , verbunden mit der gesamten physischen, psychischen und geistigen Auseinandersetzung war und somit eine gegenseitige Wechselwirkung ermöglichen kann.

In einer anderen Welt

Nun galt es im Anfangstraining die verschiedenen Stocktechniken zu erlernen. Dazu hatte mein Trainer die Nutzungsrechte beim Direktor des Gymnasiums erworben, so dass wir in dessen Räumlichkeiten arbeiten konnten. Welche Dimensionen? Eine andere Welt tat sich für mich auf! Natürlich – Stück für Stück! Dabei merkte ich von Mal zu Mal, wie das Training mit den nutzvollen Hinweisen meines Trainers und dem sich bessernden Umgang mit dem Langstock, eine von außen wirkende sanfte Kraft meine Bewegungen mit dem Stock allmählich immer sicherer werden ließ. Damit nicht genug! Mein Bewusstsein begann sich nach und nach auf diese Form der Mobilität einzustellen. In mein Gehirn wurden neue Begriffe gepflanzt. Mein Tun und meine verbalen Artikulationen waren nunmehr zunehmend mit „statischen und dynamischen Stocktechniken“ garniert. Das Körperschutztraining und das Gehen mit sehender Hilfe auf geraden Strecken, auf Treppen, dem Verhalten bei Hindernissen und dem Passieren von Türen vermittelten einprägsame Erfahrungen. Die zu nutzenden Sinne mussten durch neue Wahr-nehmungen geschärft werden. Dafür gab es in dem riesigen Schulgebäude eine Vielzahl von Reizeinflüssen, auf die mich mein Trainer beständig aufmerksam machte. Allerdings war es mir nicht möglich, alle notwendigen und hilfreichen Hinweise meines Trainers in mir zu speichern, Aber tröstend meinte er: „Das bringe die Zeit nach und nach, wenn die Reizwirkung einen bestimmten Schwellenwert überschreite“. So nahm ich Trainings-stunde für Trainingsstunde mit meinem Langstock, dem Kugelblitz, die Erkundung von Leitlinien, Ausgangs- und Eckpunkten, von Schallveränderungen, von Geräuschen oder taktilen Wahrnehmungen in den geschlossenen Räumen auf.

Mir standen die Schweißperlen auf der Stirn. Der Konzentrationsaufwand war erheblich. Nach dem Training machten wir eine gemeinsame Auswertung des Absol-vierten.

Die Analyse

In all diesem Reiz Wirrwarr sollte ich nun trainings-methodisch vorgehen. Ich sah keinen Anhaltspunkt. Alle analytischen Erkenntnisse waren wie weggeblasen. Damit war mein Kugelblitz ebenfalls ausgeschaltet. In dieser Situation der einzigste Retter mein Trainer – wer auch sonst. Dabei erfuhr ich - genau wie in geschlossenen Räumen - ist auch im Freien die Festlegung des Ausgangspunktes sowie des Endpunktes entscheidend. Dazwischen liegende Markierungen sollten zur besseren Orientierung eingeordnet werden. Damit stand wiederum für mich die Verarbeitung einer Reizflut an. Ich erhielt durch meinen Trainer die Hinweise, meinen Kugelblitz an den inneren oder äußeren Leitlinien zu orientieren. In Verbindung damit galt es, die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Bodenbedingungen zu lenken. Asphalt, Fußwegplatten oder auch Pflastersteine waren nicht die Seltenheit. Manchmal war es so holprig, dass es sich wie festge-tretener Dreck anfühlte. Wenn ich hier von „fühlte“ schreibe, dann meine ich natürlich nicht mit den Händen, sondern mein Trainer meinte, ich sollte lernen, mit den Füßen zu fühlen. Diese Informationen erhielt ich durch den Kugelblitz einen Augenblick vorweg. Aber nur wenn ich die Haltetechnik beherzigte. Durch die vielen Reizeinwirkungen war dies nicht konstant. Die Bodenbeläge änderten sich bei Toreinfahrten. Ebenso hierbei Gefälleveränderungen genau wie bei Haustüreingängen und Fußwegen kurz vor Straßenein-mündungen. Viele Gegenstände an der Seite brachten Schallveränderungen, wie zum Beispiel Bäume, Schilder, Fahrzeuge. Auch die Verlaufsänderungen der Hausmauern vermittelten diese Effekte. Nun kam noch dazu,dass bei aller Konzentration bei diesen Reizwahrnehmungen zufälligerweise einige mir bekannte Leute dieser Stadt mir gerade jetzt über den Weg laufen mussten. Einige von ihnen hatte ich eine geraume Zeit nicht mehr gesehen. Ausgerechnet hier zum Training trafen wir uns wieder. Dabei lernte ich gleich meine lieben Mitmenschen über diese Angelegenheit „Mobilitätstraining“ aufzuklären. Ich vermutete, sie schauten mich mit großen unverständ-lichen Augen an. Denn so etwas, was ich hier trieb, war für sie geistig nicht fassbar. Dies hatten sie noch nie gesehen und gehört. War ich also ein Exot für sie? Ich muß wahrscheinlich der einzigste Mobilitätsgeschulte hier weit und breit sein.

Im Trainingsdialog

Nach dem das Training im ruhigen Wohngebiet weiterhin fortgesetzt wurde und ich mehr Routine bekam, entwickelte sich nach und nach automatisch der Gedanke in mir, doch selbst einmal mit meinem Freund, dem Kugelblitz abends einen Rundgang zu unternehmen. Denn schließlich hatte ich in den vorausgegangenen Trainings-stunden einiges gelernt. Unter anderem, was für mich sehr bedeutungsvoll war, die verschiedenen Straßen-Überquerungen. Dabei wurde ich erstmals mit den Begriffen „Überquerung im mittleren Straßenabschnitt, der Sicherheits- oder Parallelüberquerung“ konfrontiert. Es wollte Sommer werden. Für mich wie geschaffen – meinen Freund, den Langstock zu überreden, etwas fürs Selbstvertrauen zu tun. Er kam mit. Was blieb ihm auch weiter übrig. Meine Entschlossenheit spürte er durch meine feste Umklammerung an seinem Handgriff. Ich merkte, dass er nicht wie beim letzten Training mit unserem Trainer harmonisch von einer zur anderen Seite rollte. Das machte mich unsicher. „Fasse mich leichter und nehme mich vor deine Mitte. Achte auf deine rechtwinklige Ellenbogenhaltung und versuche mich nur über dein Handgelenk zu bewegen!“. Dankend nahm ich seine Hinweise an und erreichte aus unserer Wohnanlage kommend die Hauptstraße. Um diese Zeit war es relativ ruhig auf Straße und Fußweg. Der Kugelblitz und ich konnten uns erst einmal aufeinander einstellen. Da es nie verkehrt ist, das Gute mit dem Nützlichen zu verbinden, hatten wir gleich noch etwas für den Briefkasten mitgenommen. Also erst einmal Briefkasten suchen! Und schon bekamen wir`s echt zu spüren. Mein Kugelblitz stolperte und holperte über die im „Hoch/Tief Verfahren“ gelegten Fußwegplatten. Ich musste ihn wieder fester halten. Er wäre mir sonst weggesprungen. Aber was war das? Plötzlich stockte mein Freund ehe ich reagieren konnte, so dass ich seinen Griff in meinem vorsorglich entwickelten Airbag empfand. „Oh, dass konnte ja etwas werden!“, dachte ich. Und schon bekam ich den nächsten Stoß. Holterdiepolter ging es voran. Ich kam noch nicht einmal dazu, Verbindung mit den inneren und äußeren Leitlinien auf zu nehmen. Aber was brauchte ich sie; denn solange wie wir diese Bodensignale erhielten, mussten wir ja auf dem richtigen Weg sein. Da war es direkt angenehm, als zwischendurch bei Einfahrten gepflasterter Untergrund uns beiden wie Teppich vorkam.

Unterdessen war auch die Straße wieder mehr belebt. Fahrzeuge rauschten in beide Richtungen, so dass es galt, andere Reize wahrzunehmen und zu verarbeiten. Von meinem Trainer wusste ich, Ausrichtung zum Parallelverkehr bedeutet Laufrichtung. Nun auf einmal merkte ich, dass sich der Schall an meiner rechten Seite, der Häuserreihe änderte. Es wurde offener. Durch meine örtliche Kenntnis wusste ich, hier ist eine Wegeinmündung, an deren Hausecke sich der Briefkasten befindet. Ich machte also eine rechtwinklige Abbiegung, erreichte die Wegmündung, nahm Verbindung durch meinen Kugelblitz mit der Hausmauer auf und machte eine nochmalige 90-Grad-Wendung mit Sicherheits-haltung des linken Armes. Da war er. Meine Finger berührten den Kasten und aufatmend warf ich die Sendung hinein.

Ich überlegte: „Sollte ich gradewegs wieder nach Hause? Eigentlich ging es doch gar nicht so schlecht. Ich könnte noch eine kleine Runde anhängen. Wie denkst du darüber?“, fragte ich meinen Kugelblitz. Er klapperte auf dem unebenen Boden – also Zustimmung, dachte ich. Ich schlug die Rute vor und es ging los. Wir nahmen Verbindung mit der Bordsteinkante auf. Mein Kugelblitz rollte über die Gehwegkante und kündigte mir den Straßenbeginn an. Ich konnte mich an der Kante ausrichten, um eine geradlinige Überquerung zu erreichen. Davor setzte ich den Kugelblitz zu einer Halbkreiserkundung in Marsch. Ich brauchte einfach die Information – „ist der Weganfang frei?“.“ Keine Probleme“, antwortete mein Freund. Also los! Jedoch, es wollte noch jemand mit uns mit. Eine freundliche ältere Frau, die uns vermutlich eine Weile beobachtet haben musste, bot ihre Hilfe für die Überquerung an. Nun galt es wieder die richtigen Worte zu finden. Es war nämlich schon einige Male vorgekommen, dass sich freundliche Mitmenschen angeboten hatten, uns beiden behilflich zu sein. Während der Trainingsstunden empfahl mir mein Trainer, solche wohlgemeinten Angebote wegen der Trainingseffekte höflich aber bestimmend abzulehnen. Nun waren wir beide ja eben nur mit unserem privaten Training beschäftigt. Sollten wir hier Ausnahmen machen? Aber was sollten diese Überlegungen? Schließlich waren wir heute gestartet, um etwas für unser Selbstvertrauen zu tun. Außerdem ging es darum, bei Kommunikations-möglichkeiten dieser Art während des Trainings auf uns Blinde aufmerksam zu machen. Auf die Notwendigkeit dieser Maßnahmen hinzuweisen, um einfach den Mitmenschen klar zu machen, was für uns selbst dieses Training bedeutet. Diese Aspekte, verbunden mit wohlempfundenem Dank für das Hilfsangebot wird bei den von mir gemachten Erfahrungen immer verstanden.

So auch bei dieser Begegnung. Wir verabschiedeten uns, konzentrierten uns noch mal auf die Straße. Nachdem sich die Geräusche entfernt hatten, hieß unsere Aufgabe: „Überquerung einer Straße im mittleren Abschnitt“. Als wir die andere Seite wohlbehalten erreicht hatten, spürte ich, dass die alte Dame uns sicherlich bis hierher beobachtet haben musste. Und richtig, sie rief uns nämlich noch hinterher: „Vorsicht!, dort drüben hängt ein Zweig sehr weit runter“. „Ja danke“, sagte ich. „Wo ist denn dieser Zweig“, wollte ich rufen, da fuhr er mir mit seinen Nadeln übers Gesicht. „Huh, das war nicht gerade sehr angenehm“, dachte ich mir. Aber du mein Freund kannst ja nichts dafür, denn du bist ja für den Boden zuständig. Dies nahm mein Kugelblitz während der restlichen Strecke auch wahr, und ich hatte das Glück, dass ich mit meinem Kopf die völlige Lufthoheit für den Rest der Trainingsrunde hatte.